Ein "falsch geparktes Pferd"

von Karl Mienert


Es war ein eiskalter Wintermorgen. Einer der tüchtigen Bäckermeister führte sein Wagenpferd mit Bäckerwagen am Zügel durch die Lobbericher Hochstraße. An diesem Tag konnte er das Pferd nicht vom Bock aus bewegen, weil es glatte Stellen auf dem damaligen Kopfsteinpflaster gab. Das Pferd durfte nicht zu Fall kommen. Außerdem lagen die Anlieferungsstellen für seine Brote und Brötchen nicht weit auseinander.
Damals, es konnte im Winter 1929/30 gewesen sein, gab's noch Brötchen morgens frisch an der Haustür!

"Hallo, Karl", wurde der Bäckermeister angerufen, "Karl, mach Dein Pferd mal an der Laterne fest. Ich lade Dich ein. Als gute Nachbarn müssen wir doch meinen Geburtstag miteinander begießen, meinst Du nicht auch?"

"Aber Arnold", sagte der Bäcker, "ich kann doch mein Pferd jetzt nicht allein auf der Straße lassen! Es warten auch noch Kunden auf ihre Brötchen!"

"Ach, nun sei mal nicht so ängstlich. Wir brauchen ja auch nicht zwei Stunden für unser Schnäpschen. Sei kein Frosch, nun komm schon!"

Karl konnte nicht mehr widersprechen, wollte seinen Freund und Nachbarn, den Möbelhändler Arnold, ja auch nicht kränken.

So wurde das Pferd mit dem Zügel am Laternenmast festgebunden, und die beiden gingen "für ein Schnäpschen" in die Gaststätte Bellenberg (heute "Stadthotel").

Über die nächsten Stunden liegen dem Verfasser keine Informationen vor, wohl aber über das große Erstaunen von Passanten, die in der Frühe des nächsten Morgen über die Süchtelner Straße zur Frühmesse wollten. Sie trauten ihren Augen nicht: Stand da doch ein ausgewachsenes, lebendiges Pferd im feinen Schaufenster - Schlafzimmer der Möbelhandlung. Immerhin hatte das Pferd seine ungewohnte Umgebung schon ein wenig nach seinem Geschmack umgestaltet, sich jedoch großzügigerweise trotz sicherlich längst eingetretener Müdigkeit noch nicht zu Bette gelegt!

Wo und wie die Geburtstagsfreunde die Nacht überstanden hatten, ist nicht überliefert. Ob's der Pferdestall war?


mit freundlicher Genehmigung des Verfassers entnommen aus:

Mienert, Karl: Nettetaler Gedankensplitter. Im Eigenverlag erschienen 2000. ISBN 3-934652-26-3, S. 64f.


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