Die sieben Fußfälle [Voetvälle]
in der Lobbericher Feldflur


Von Josef Budde, Lobberich

Das Leiden und Sterben des Herrn zu betrachten und dabei entsprechende Gebete zu verrichten, ist eine Volksandacht, die schon in den alten christlichen Zeiten geübt wurde. Da es nur wenigen möglich war, die heiligen Orte, wo Gottes Sohn gelitten hatte, selbst zu besuchen, wählte man zu dieser Andacht die Gräber der Märtyrer und, nachdem die blutigen Christenverfolgungen in Rom aufhörten, die sieben Hauptkirchen der Stadt, um in jeder einen bestimmten Abschnitt des Leidens Jesu betrachten zu können. Dieser fromme Brauch wurde bald überall nachgeahmt. Weil aber die meisten Orte nicht über sieben Kirchen verfügten, errichtete man sieben Fußfälle oder Bildstöcke an passenden Stellen der Gemeinde. Ihr Besuch wurde "Römerfahrt" genannt.

Eine guterhaltene Gruppe von sieben Fußfällen, die 1704 errichtet wurde, führt zum Heiligenberg in den Süchtelner Höhen. In Grefrath standen sie vor dem Eingang des Friedhofs, nördlich der Kirche. In Hinsbeck haben sie glücklich die Geschicke der Zeit überdauert und stehen geschlossen um die Kapelle in den dortigen Höhen. In Lobberich war es noch vor 50 Jahren nicht selten, daß betende Pilger über den Frauenweg zum Hagelkreuz schritten und die einzelnen Fußfälle, die zerstreut nach den vier Himmelsrichtungen in der Feldflur errichtet waren, besuchten. Obschon seitdem erst ein halbes Jahrhundert vergangen ist, wurde nicht nur den Heutigen die "Römerfahrt" völlig fremd, sondern es bedurfte sogar vieler Nachfragen und langen Suchens in den Leibgewinnsbüchern im Gemeindearchiv Lobberich, um die Plätze festzustellen, wo die "Voetvälle" gestanden haben.

Der erste Fußfall lag auf der Mühlenstege, die vom Wasserwerk nach Heidenfeld führt, in der Geer, wo links der Weg nach Heggespoel abgeht. Diese Feststellung machte der verstorbene alte Bauer Ophoves aus Heidenfeld, der dieses seinem Schwiegersohn, dem Altbürgermeister Kirchhofer, noch mitteilen konnte.

Der zweite Fußfall, ein Kreuz, stand auf dem Leichweg am Sittard. Im Leibgewinnsbuch heißt es das Gut am cruys". Nach Ausfall oder Zerstörung dieses Kreuzes trat wahrscheinlich das Hagelkreuz an seine Stelle.

Der dritte Fußfall wird als Goerdt Sassenveldts Heiligenhäuschen bezeichnet und lag auf dem Bocholter Kirchweg, an der Geer, wo links der Weg zum Hagelkreuz führt. Goerdt Sassenveldt war nach 1700 Schöffe im Kirchspiel Lobberich. Sein Haus war die heutige Wirtschaft Wedershoven am Markt.

Der vierte Fußfall war die noch heute in bestem Zustande befindliche Eremitage auf der Boisheimer Landstraße (s. Abbildung).

Der fünfte Fußfall war die nicht mehr bestehende St.-Nikolai-Kapelle auf demPlatz an der Linde vor der neuen Kirche.

Nach dem sechsten Fußfall heißt ein Teil der Sassenfelder Honschaft noch heute "die Krüshütte". Vom Widumshof, dem Pastorat, führte ein Fußweg durch das heutige Gelände des Krankenhauses über das Weberfeld zum Eingang der Krüshütte, wo das Kreuz stand. Dieses war von der im Sassenfeld ansässigen Familie Thoenes vorn Thoeneshof, laut der Inschrift im Jahre 1719, erbaut; von dem letzten männlichen Sproß dieses Hofes im Jahre 1879 neu aufgebaut, wurde es bald nachher abgebrochen.

Die siebente und letzte Station, die Kapelle im Sassenfeld, die Pestkapelle St.Rochus oder das Heiligenhäuschen an der Soup, besteht heute noch

In den verheerenden Kriegen des 16. und 17. Jahrhunderts, die ganz besonders in den Gebieten der ehemaligen Herzogtümer Geldern und Jülich ausgetragen wurden, scheinen die alten Fußfälle zerstört oder arg in Verfall geraten zu sein. Sie mußten dann nach Beendigung dieser Notzeiten wiedererrichtet werden. Darüber besitzt die Pfarrgemeinde noch eine handschriftliche Quelle in ihrem Archiv. Diese lautet:

"Pastores huius ecclesiae ab anno millesimo quingentesimo vigesinio quinto, mit kleiner Chronik, geschrieben 1752 durch A. H. Backhuys - Fundatio - der processie tot de nieuw opgerichte seven statien by het dorp Lobberich Catalogus pastorum - Register der Kirchenrechnungen und Bruderschaften von 1701.

Unsere neuerrichteten sieben Fußfälle scheinen aber keine lange Lebensdauer gehabt zu haben. Im Oktober 1794 drang die Revolutionsarmee Frankreichs abermals in das Gelderland ein, und die Franzosen behaupteten sich hier bis zum Jahre 1814. Nach einem Dekret vom 2. April 1798 mußten alle öffentlichen religiösen Zeichen unterbleiben. Demzufolge wurden die Kreuze an öffentlichen Wegen, auf Kirchhöfen und Kirchtüren entfernt (vgl. in diesem Heimatbuch die "Aufforderung zur Entfernung der Wegkreuze und Bildstöcke"). Damit dürfte das Ende unserer Fußfälle gekommen sein. Nur die massiveren Kapellen und Bauten scheinen die Zerstörung überdauert zu haben. Es bliebe also unserem Jahrhundert überlassen, diese Wahrzeichen alten religiösen Brauchtums zu erneuern.

Aufn. Kreisbildstelle


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Die Hagelkreuzkapelle


Der Artikel wurde in alter Rechtschreibung belassen

Quelle: Heimatbuch 1955 des Kreises Kempen-Krefeld, Kempen 1954, S. 52f.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Oberkreisdirektors des Kreises Viersen. Nach schriftlicherAnfrage an den Kulturdezernenten wurde diese Genehmigung am am 16. September 1999 durch den Kreisarchivar erteilt.

Das Heimatbuch ist ausverkauft. Ein Nachdruck der Bände 1950-1959 ist erhältlich  unter http://shop.kreis-viersen.de


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