Chronik der Verbindungsstraße

von Wilhelmine Steinberg

aus: Nettetaler Spätlese. Zeitung für ältere Menschen Nr. 7 / 2002

Während meiner Kindheit war die jetzige Werner Jaeger Straße, früher Verbindungsstraße, recht unbedeutend. Weder kanalisiert noch gepflastert, wies sie auch kein einziges Geschäft auf. Zwischen Reihen sogenannter kleiner Weberhäuschen (die meisten Bewohner waren Weber bei der Firma Niedieck) lagen landwirtschaftlich genutzte Flächen, also kurz gesagt, die damalige Verbindungsstraße stellte in keiner Weise etwas vor, und doch wohnten dort Menschen, die zu erwähnen nicht uninteressant ist.

Die Straße endete früher an der Kreuzung Bahnstraße (jetzige Niedieckstraße). Weiter zu den Ditgeshäusern und zum sogenannten Heidenfeld war sie nichts anderes als ein befestigter Feldweg.

An der Kreuzung links wurde sie von den Sägewerks- und Holzlagerplätzen der Firma Bongartz flankiert. Rechts breiteten sich die Stallungen und Remisen der damals bahnamtlichen Spedition Wirtz aus. Diese wurde übrigens von einer Frau geleitet, was zu damaligen Zeit eine Seltenheit war.

Wirtz gegenüber, auch wieder mit der Seitenfront zu unserer kleinen Verbindungsstraße, hämmerte der Schmied Jüsgen munter auf seinem Amboss, dass es nur so schallte. Zu gerne beobachteten wir Kinder, wenn Pferde beschlagen wurden. Meistens hatten die Bauern die schweren Kaltblüter. Wenn die stampfend und schnaubend in einer Art Box festgemacht wurden und es nach glühendem Eisen und verbrannten Hufen roch, war das doch schon eine aufregende Sache.

Selbst der Graf Schaesberg ließ dort seine Rösser beschlagen. Fast ehrfurchtsvoll staunten wir, dass der tüchtige Schmied mit einem echten Grafen geschäftlich verkehrte.

An das Jüsgengrundstück schlossen sich nur 2 kleine Häuser an. Gegenüber aber wohnte der Bienenzüchter Thissen, der wieder für uns Kinder etwas Besonderes darstellte. Mussten wir Honig holen, warfen wir zu gerne einen Blick in den schönen Garten. Doch Abstand musste gewahrt werden, von wegen der evtl. stechenden Bienchen!

Neben Thissen wohnte ein aus der Stadt zugezogener Briefträger mit 3 Kindern, alle älter als wir. Als Nebenerwerb hielten sie Hühner und verkauften die Eier, die besonders lecker waren. Die einzige Tochter wurde von uns in leicht boshafter Weise "Eiergretchen" genannt. Der jüngste Sohn Roland war ein fescher Student. Alle Mädchen himmelten ihn an. War er im Lande, zankte man sich, wer die Eier holen durfte. Er wurde Jugendrichter in Düsseldorf.

Das Stegerhaus wurde von einem großen Feld begrenzt, welches von Bauer Hüpen bewirtschaftet wurde. Heute erstreckt sich dort das schöne Sonnenhaus.

Links neben uns wohnte die Sippe derer von Holthausen. Ihre Namen zeugen von ihrer holländischen Herkunft. Hanneken, die Ältere, sah aus wie eine Figur aus "Hänsel und Gretel". Da gab es noch Tochter Dina und Sohn Cornelius. Letzterer baute längs der späteren Friedenstraße eine Reihe Wohnungen, die heute noch als Holthausen Häuser bekannt sind.

Wir waren gute Nachbarn, doch Hanneken wurde wild, wenn wir an ihre Kirschen gingen. Der Baum mit besonders frühen Früchten stand gerade auf der Grenze zwischen unseren Häusern. Obschon wir reichlich von allen Sorten zu schmausen hatten, gerade die von Hanneken mussten es sein. Wie heißt es doch so schön in dem Lied: "Die Kirschen in Nachbars Garten, die waren so rot und sooo süß"! !

Anno 1874 machte mein Großvater, Josef Strack, sich selbständig, und zwar auf der Bahnstraße. Später kaufte er das Gelände zwischen der Verbindungstraße und späteren Nordstraße und Holthausen und Hasenkox für einen Spottpreis von 2 Pfg. pro qm. Es war karges struppiges Heideland und über 8 Morgen groß. Nach und nach wurde es bebaut. Als mein Vater Hubert 1911 heiratete, wurde 1 Jahr später der Grundstein unseres Hauses gelegt. Zu meiner Kindheit, gerade zwischen den beiden Kriegen, gelangte das gärtnerische Unternehmen meines Vaters zur Höchstblüte. Opa starb 1925, Vater leider schon 1934, und damit ging ein Stück Unternehmungsgeist endgültig verloren.

Uns gegenüber erstreckte sich bis an Heggers Batteriefabrik der Hüngesplatz. In ganz frühen Jahren krönten 3 mächtige Buchen vor uns und 2 an der Ecke der späteren Friedensstraße den Platz. Es waren selten schöne Exemplare und wir liebten sie sehr; besonders wenn der Wind sie zum Rauschen und Schwingen brachte und uns in den Schlaf sang. Nachdem man sie fällte kam uns der Platz dort recht öde und kahl vor. Heute würden sofort die Umweltschützer einschließlich Bürgerschaft auf den Plan treten, bestand doch kein Anlass, die Bäume zu fällen, denn dort gebaut wurde erst recht viel später.

Nun hatten wir freie Sicht und konnten uns leicht mit unseren Freundinnen verständigen, die im 1. Haus links auf der Friedensstraße wohnten. Der Vater war der damalige Postmeister Hamacher. Bis er nach Kaldenkirchen versetzt wurde, war zwischen uns Kindern eine rege Lauferei hin und her.

Bei der heutigen Ecke Wevelinghovener Str. -Sportklause- endete damals die Verbindungsstraße. Sie verlief sozusagen im Sande Richtung Sassenfeld. Die jetzige Sportklause gehörte oder gehört noch den Erben einer Familie Boetzkes. Sie hat öfters den Pächter gewechselt. Im, oder nach dem Krieg betrieb dort ein Herr Raaf eine kleine Gummibandfabrik. Später übernahmen verschiedene Wirte das Lokal, zuletzt wurde es von einem Griechen bewirtschaftet, während es heute als Unterkunft für Asylbewerber dient

Das anschließende Haus bewohnte der der Christlichen Gewerkschaft angehörende Herr Zanders und Familie. Der einzige Sohn Mäxchen war ein liebenswertes Kerlchen, opferte er doch seine letzten Groschen, um seine Mutter mit Blumen zu erfreuen. Er war lange Direktor des Abendgymnasiums Kempen und ist heute im Ruhestand.

Der nächste Nachbar war wohl der bemerkenswerte, durch den 1. Weltkrieg erblindete Herr Koerfers. Man konnte nur staunen, mit welcher Sicherheit er sich mit dem Stock an Rinnsteinen entlang tastete und so zum Ziele kam. Prächtige Kinder sind in dem Haus groß geworden.

Die nächsten Nachbarn waren Hasenkox. Als die einzige Tochter den Metzger Toni Naus heiratete und sie sich selbständig machten, mästeten sie vorher 2 fette Schweine und hatten so einen guten Anfang. "Adele wiegt sich in den Himmel" pflegte meine Mutter immer zu sagen, weil sie so großzügig war.

Gegenüber wohnten Sassen. Bruder Conrad ging mit einem Bauchladen durch die Lande. Als meine Mutter als junge Frau auf die Verbindungsstraße zog und weit und breit kein Geschäft in Aussicht war, animierte sie Conrad, sich doch selbständig zu machen, es würde sich schon lohnen. Der Lebensmittelladen mit der kleinen Abteilung Kurz- und Weißwaren, geführt von Schwester Sybilla, blühte und gedieh. Sie bezogen ihre Waren von der altbekannten Lobbericher Firma Boetzkes, und die bürgte für Qualität!

Nicht nur wir, auch sämtliche Nachbarn weit und breit blieben den Sassens und der späteren Erbin, Frau Einmal, treu, bis sie wegen Krankheit das Geschäft aufgeben musste.

Direkt neben Sassen wohnte die allen bekannte Mathilde Hahn. Ihre Familie erbte das Haus von ihrer Mutter, einer Frau Wimmen. Die Wimmen und Hahns waren alle auf ihre Art Originale. Wenn man sich im Laden traf, hätte man stundenlang zuhören können, was da alles verhackstückt wurde. Es war richtig gemütlich, alle hatten Zeit und man erfuhr das Neueste.

Zur Linken Sassens wohnte Blomen. Die sich immer bewährende, tüchtige Frau Blomen, besser bekannt unter dem Namen Klövers Paula, zog 2 tüchtige Söhne groß. Der jüngere ist heute Personalchef beim Arbeitsgericht.

Während des 1. Weltkrieges, als alles knapp und der Hunger immer größer wurde, schlossen sich Paula, Billa, Frau Wimmen und wer weiß noch zu einer kleinen verschworenen Schmuggelgemeinschaft zusammen. Man könnte sagen, zum Wohle der Nachbarschaft. Alles was nicht niet- und nagelfest war, besorgten sie. Meine Muter hielt große Stücke auf die Schmuggeldamen. Was hätte sie mit 3 kleinen Kindern ohne deren Hilfe angefangen.

Die Nachbarschaft um unser "Kleinkaufhaus" herum hielt besonders eng zusammen. Man kannte sie alle. Mehr oder weniger waren es liebenswerte Menschen. Doch pflegte man nicht zu jedem in engere Beziehung zu treten und kann daher nicht allzu viel von ihnen berichten.

Im Auf und Ab der Zeit hat sich vieles verändert. Liebe Menschen sind für immer von uns gegangen. Häuser wechselten den Besitzer, Baulücken schlossen sich. Die Gemütlichkeit und Beschaulichkeit ist für immer dahin. Nach Kanalisation und neuer Teerdecke ist unser altes Sträßchen zur Umgehung und daher fast zur Rennstrecke geworden.

Richtung Ditgeshäuser und Heidenfeld entstanden schöne Wohngebiete.

Durch den Bau des Gymnasiums und des Theaters hat unsere heutige Werner Jaeger Straße viel an Bedeutung gewonnen. Ihren Namen trägt sie nach einem Sohn unserer Stadt, der in Amerika zu großem Ansehen gelangte: "Professor Werner Jaeger". Fortschritt und Technik beherrschen das Feld, doch manchmal sehnt man sich nach der Bescheidenheit und Romantik früherer Jahre zurück.


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