August Erkens


mit freundlicher Genehmigung der Autorin Sigrid Blomen-Radermacher: www.kunstimkontext.de


Lebenslauf August Erkens


Ausstellungsbiografie August Erkens


Der Maler August Erkens

"Meine Hände stoßen tief in den Himmel hinein. Ich spüre ihn nicht, ich fasse ihn nicht und doch ist irgendwo sein Licht." (Leonhard Jansen, Brüggen, zitiert aus: Grenzlandnachrichten 127 vom 12. April 1974) Wer den Namen des Malers August Erkens hört, hat unwillkürlich seine Wolkenbilder vor Augen. Das Spiel des Sonnenlichtes und der Wolken am Himmel, die ständig wechselnden Himmelseindrücke, flüchtig wie der Stand der Sonne und der Zug der Wolken, faszinieren den Lobbericher Künstler. Seine Leidenschaft für Sonnenauf- und untergänge, für das Naturschauspiel am Himmel, ist fest in der Erinnerung seiner Tochter und Enkelin verankert, denen er in seiner Begeisterung den Blick für die Nuancen des Himmels schärfte. In unzähligen Bildern hält er die vielfältigen Stimmungen fest, die sich ihm am Himmel zeigen. Dank der Pastellkreiden ist er in der Lage, die rasch sich verändernden Eindrücke in kurzer Zeit auf das Papier zu bannen. Ein gewaltiger Himmel wölbt sich über eine spielzeugkleine, aus fast unkenntlichen Farbflecken bestehende Stadt. Nur Beiwerk ist sie in der "Wolkenstudie" (WV 441) von August Erkens, allerdings ein unerlässliches, gibt sie doch die Proportionen des Gemäldes vor und erhebt den Himmel in seiner Monumentalität zum Hauptthema des Bildes. Ein Wolkenberg türmt sich vom Horizont aus in den Himmel auf, um schließlich in einen Streifen Blau überzugehen. Durch die plastisch modellierten Wolken schimmert eine Palette von zarten Tönen: vom Weiß über das Grau hin zum Rosa, zum Blau und Grün. "Maler des Niederrhein" - dies ist zeitlebens und darüber hinaus das Etikett für August Erkens gewesen. Doch ist Erkens - wie in dieser Dokumentation zu zeigen sein wird - weit mehr als das, auch wenn er fast sein ganzes Leben in Lobberich verbracht und die niederrheinische Landschaft immer wieder auch zum Thema seines malerischen Werkes gemacht hat.

1908 in Lobberich geboren, beginnt er nach dem Abitur im Jahr 1927 eine Malerlehre im Geschäft seines Vaters, ebenfalls ein Maler und Kunstmaler, studiert jedoch parallel dazu bei Professor Peter Bertlings Malerei an der "Handwerker- und Kunstgewerbeschule Crefeld". Bestärkt durch diese Erfahrung und in dem Bestreben, seine Ausbildung akademisch fortzusetzen, geht er 1929 an die Ecole de Beaux Arts in Paris, wo er bis 1931 Malerei studiert. Auch in dem Atelier für Kunst- und Reklamemalerei von Otto Therstappen, dem ältesten der fünf Künstlerkollegen, kann Erkens, ähnlich wie Jupp Dors, seine Studien der Malerei vertiefen. Die Jahre 1933-1934 verbringt er als Wanderjahre in Italien, bevor er 1935 seine Meisterprüfung als Maler und Dekorationsmaler ablegt.

Der Krieg bedeutet einen tiefen Einschnitt in Erkens' Leben. Er wird eingezogen und muss als Soldat in Frankreich, Afrika und Italien dienen. Doch ähnlich wie Walter Dahmen und Jupp Dors nutzt er jede freie Minute, um seiner Malerei nachzugehen. Er porträtiert Freunde ebenso wie die Bewohner der afrikanischen, italienischen und französischen Dörfer und Städte, in denen er sich aufhält. Er skizziert die fremdartig-reizvolle Natur und Architektur. Die Mehrheit dieser Bilder und Skizzen ist verschollen oder aber in den Ländern verblieben, wo sie entstanden sind. Ebenso ist das malerische Werk aus der Zeit vor 1939 durch Bombardierung vollständig zerstört worden. Kurz nach Kriegsende wird in Krefeld die Künstlergruppe 45 ins Leben gerufen, zu deren Mitbegründern August Erkens neben Fritz Huhnen, Gustav Fünders und Ernst Hoff gehört. Die Gruppe 45 versteht sich eher als eine Art Notgemeinschaft denn als eine thematisch arbeitende Künstlergruppe und ist in diesem Sinne mit der Hinsbecker Gruppe durchaus vergleichbar. Die etwa 30 Künstler der Gruppe, Maler, Bildhauer und Kunsthandwerker, helfen einander mit Materialien und Atelierraum aus, organisieren Ausstellungen und pflegen freundschaftliche Beziehungen untereinander.

Im Sommer 1946 beteiligt sich Erkens erstmalig an einer Ausstellung der Künstlergruppe 45 im Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld. 1946 eröffnet August Erkens eine Malerwerkstatt in Lobberich und nimmt eine Stelle als Lehrer an der Gewerbeschule in Kempen an. Zum Jahreswechsel 1948/1949 nimmt er an der ebenfalls durch das Kaiser Wilhelm Museum organisierten Präsentation "Niederrheinische Malerei und Plastik der Gegenwart" teil. Zum 10-jährigen Bestehen der Künstlergruppe 45 findet 1955 eine weitere Ausstellung im Kaiser Wilhelm Museum statt, zu der August Erkens Bilder beisteuert. Die Westdeutsche Zeitung schreibt am 12. 11. 1955: "...die Künstlergruppe 45 überhändigte der Öffentlichkeit hier als geistige Equipe und musische Kameradschaft eine farbenschillernde Visitenkarte der Individualitäten der verschiedensten Rassen..." Zum Jahreswechsel 1955/56 wird die Präsentation im Alten Museum, Mönchengladbach, gezeigt.

36 Jahre lang, von 1952 bis zu seinem Tode im Jahre 1988, ist August Erkens gemeinsam mit seiner Frau und Tochter als Kunst- und Antiquitätenhändler in Lobberich tätig. Dieser Tätigkeit Erkens und seinem großen Engagement verdanken einige kulturhistorische Museen wie zum Beispiel das Landschaftsmuseum Kommern sowie das Niederrheinische Freilichtmuseum in Grefrath einen mehr oder weniger großen Teil ihres Inventars. In den 50er Jahren gestaltet August Erkens das, was heute "Kunst am Bau" genannt wird: er entwirft und führt Kirchenfenster, Mosaike und Wandmalereien aus. So erhält er in diesen Jahren Aufträge für die Gestaltung der Fenster des Sitzungssaales im Alten Rathaus Lobberich, für die der Sparkasse Lobberich sowie für die Fenster der Krankenhauskapelle des Lobbericher Krankenhauses. Letztere werden 1961 in der Werkstatt seines Kollegen Walter Icks ausgeführt. Weiter hat er Wandmalereien in der Jugendherberge Hinsbeck und in der ehemaligen evangelischen Schule in Lobberich angefertigt. 1955 erhält August Erkens vom Landkreis Kempen-Krefeld den Auftrag, gemeinsam mit dem Maler und Grafiker Hubert Woelfle aus Krefeld Glasmosaikarbeiten für die neu zu errichtende Kreisberufsschule in Kempen anzufertigen. Bis auf einige private Glasfenster, die Fenster der Krankenhauskapelle und des Alten Rathauses sowie die Wandmalerei in der ehemaligen evangelischen Schule, jetzt Seminar für Altenhilfe e. V. der Region Kempen-Viersen auf dem Sassenfelder Kirchweg, sind diese Arbeiten zerstört. Die Wandmalerei in der Jugendherberge Hinsbeck, die vermutlich ein Märchenmotiv aufgriff, ist vor etwa drei Jahren entfernt worden. Darüber hinaus existiert eine Fülle von Entwürfen für Arbeiten im öffentlichen Raum, die weder datiert noch näher bezeichnet sind, von denen weiterhin nicht bekannt ist, welche Entwürfe tatsächlich ausgeführt wurden. Wie aus dem Nachlass von August Erkens zu ersehen ist, hat er auch gebrauchsgrafisch gearbeitet. Dazu gehören Entwürfe für Firmenschilder und Bühnendekorationen beispielsweise für Aufführungen der Lobbericher Karnevalsgesellschaft Fidele Heide sowie Bemalungen für Truhen und Schränke. In diesem Arbeitsbereich greifen seine handwerkliche Ausbildung zum Dekorationsmaler mit der zum Kunstmaler ineinander über. Hier muss bedacht werden, dass in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts viele Künstler keine strenge Trennung zwischen Gebrauchsgrafik und freien Arbeiten vornahmen.

Der signierte Entwurf für die Bemalung einer Truhe sieht eine Inschrift vor, die Erkens' Berufsphilosophie wiedergibt: "Allem Leben, allem Tun, aller Kunst, muss das Handwerk vorausgehen, welches in der Beschränkung erworben wird. Eines recht wissen und ausüben gibt höhere Bildung als Halbheit im Hundertfältigen".

Über alle Jahre hinweg hört er nicht auf, seiner Leidenschaft für die Malerei nachzugehen. Es entsteht ein Werk von über 800 nachgewiesenen Bildern (...). In Anbetracht der Tatsache, dass die vor und während des Krieges entstandenen Bilder teilweise bzw. vollständig verloren gegangen sind, muss die Zahl der Arbeiten sehr viel höher angesetzt werden.

August Erkens legt zeitlebens keinen Wert auf eine große Öffentlichkeit, er legt keinen Wert darauf, einer regen Ausstellungstätigkeit nachzugehen. Dies mag einen Grund darin haben, dass er in der glücklichen Lage war, einen materiell gesicherten Lebensunterhalt zu haben und sich der Malerei frei widmen kann. Dagegen hält er es für eine wertvolle Aufgabe, junge Künstler zu fördern und ihnen Ausstellungsmöglichkeiten zu bieten. Gemeinsam mit Bürgermeister Jochen Smeets organisiert er nach dem Krieg bis zum Weggang Smeets' in den 50er Jahren zahlreiche Präsentationen in den Räumen der Burg Ingenhoven.

So legt selbst ein Bericht im Heimatbuch des Kreises Viersen aus dem Jahr 1979 unter dem Motto "Zu Besuch bei Fia und August Erkens in Lobberich" nicht zufällig den Schwerpunkt der Beschreibung auf Fia Erkens. Immer wieder tritt August Erkens gegenüber seiner Frau Fia, die es - nicht zuletzt durch die Förderung durch ihren Mann - als naive Malerin zu einiger Berühmtheit bringt, in den Hintergrund. In einem Zeitungsinterview vom 29.7.1987 im "Grenzlandkurier" wird er mit den Worten zitiert: "...der strenge aber gerechte Kritiker meiner Frau" zu bleiben, sei seine Hauptaufgabe. Am 8. März 1988 stirbt August Erkens 80-jährig in Lobberich. 1998 erhält das Museum für Europäische Kunst in Nörvenich auf Wunsch des Museumsdirektors John G. Bodenstein mit 70 Arbeiten einen Teil des Nachlasses von August Erkens.

Während sich bei den Malern Dahmen, Dors, Heimen und Therstappen eine Einteilung des Gesamtwerkes in Genregruppen wie Stillleben, Porträt, Landschaft und andere anbietet, fällt eine strenge Gliederung im Werk von August Erkens schwer.

Seine Themenpalette ist vielfältig, die Grenzen zwischen den Motivbereichen fließend: Porträts tragen oft karikierende Züge, Stillleben sind in Interieurs vorborgen, eine Wolkenstudie ebenso wie Architekturansichten gleichzeitig auch die Darstellungen der niederrheinischen Landschaft. Eine um der harmonischeren Lesart dennoch vorgenommene Einteilung wird daher willkürlich und nicht immer eindeutig sein. Wenn auch hier und da Hafenansichten oder Bilder von Eisenbahnbrücken existieren, fehlen ähnlich wie bei Dahmen und Therstappen die bei Heimen und Dors zu findenden sogenannten "Industriebilder" ganz. Dies mag seinen Grund darin haben, dass Erkens sich nicht an den teilweise thematisch gebundenen Ausstellungen der Künstlergruppe Hinsbeck im Hüttenwerk Rheinhausen beteiligt und somit keinen äußeren Anlass für die Beschäftigung mit diesem Themenbereich sieht.

Dagegen ist der Motivkreis Architektur im weitesten Sinne bei August Erkens ähnlich ausgeprägt wie bei Walter Dahmen, ein Motiv, das bei Paul Heimen und Jupp Dors nur am Rande auftaucht. Typisch für August Erkens' Arbeitsweise ist die Verwendung der unterschiedlichsten Malgründen. Erkens greift auf farbige und braune Papiere zurück, deren Untergründe er in seine Motive einbezieht, sowie auf Holz und Leinwand. Auffällig ist auch seine Neigung, angeschnittenes oder angerissenes Papier zu verwenden, das die zufällig entstandenen Ränder nicht verbirgt. Er setzt neben den für ihn so charakteristischen Pastellkreiden Öl- und Aquarellfarben ein, aber auch Tusche, Buntstifte, ja sogar den Kugelschreiber. Mit großer Vorliebe vermischt er die Materialien untereinander. Auch Holzschnitte gehören zu seinem Gesamtwerk.

Porträts

Eine recht große Anzahl von Porträts und ganzfigurigen Darstellungen von Menschen sind im Gesamtwerk von August Erkens zu finden. Auffallend ist hierbei, dass zahlreiche Porträts über die rein sachliche Abbildung der Menschen, viele davon Familienmitglieder, Nachbarn, Freunde und - wie bereits angesprochen - die Afrikaner und Südeuropäer, die Erkens während des 2. Weltkrieges kennenlernt, hinausgehen und typisierende, ja oft sogar karikierende Züge annehmen. ln den Zeichnungscharakter tragenden Bildern hält er die kleinen und großen Schwächen seiner Zeitgenossen heiter-bissig fest und gibt den Skizzen prägnante Titel. "Großmaul" kann solch eine Bezeichnung lauten oder "Ziska spritzt Gift" (WV 181): Eine kleine, vornehm gekleidete Frau ist mit neugierig vorgebeugtem Oberkörper und erhobenem Zeigefinger offenbar konzentriert in die Beurteilung ihrer Mitmenschen vertieft, während eine Schlange sich um ihre Füße windet und "Ziska" giftig umzüngelt. Erkens beweist in Arbeiten wie solchen eine aufmerksame und interessierte Beobachtungsgabe, die er während des Krieges einsetzt, um die Menschen und Landschaften bewusst zu betrachten und malerisch wiederzugeben. Die reizvoll-fremdländischen Gesichtszüge eines tunesischen Mannes sind es, die Erkens zu der Skizze "Afrikaner"(WV 665/S. 131) anregen: mit raschen Strichen konturiert Erkens das Gesicht des Mannes, wobei er den braunen Grund der Pappe bewusst in die Gestaltung des Kopfes einbezieht. Mit dem Kinn- und Schnauzbart und den klaren Augen akzentuiert er das Gesicht des Afrikaners. Der verschlungene Turban, plastisch durchmodelliert durch wenige zarte Tusche und flächige Kreidestriche, vervollkommnet das Bild des Nordafrikaners. Selbstverständlich finden sich auch einige Selbstporträts im Werk von August Erkens. In seinem "Selbstbildnis" (WV 640) blickt Erkens in einen Spiegel, dessen ovaler Rahmen ein Biedermeiergemälde assoziiert und dem Porträt einen gewissen Ernst verleiht. Der Blick des Malers schweift an den Betrachtern vorbei zu einem entfernten Punkt. Erkens zeichnet sich selbst als einen Mann, hinter dessen ernsten Zügen einiger Witz zu liegen scheint. Seine Malweise im "Selbstbildnis" zeigt charakteristische Merkmale vieler seiner Arbeiten: Erkens setzt die Striche diagonal neben- und in verschiedenen Farbtönen übereinander, was den Bildern Dynamik, Farbintensität und Tiefe verleiht. Erkens passt seine Maltechnik dem Thema an. Setzt er in seinen karikaturistischen, porträtierenden Skizzen sowie in einer Vielzahl von Niederrheinbildern eine kraftvolle Stricheltechnik ein, so arbeitet er beispielsweise in seinem "Christuskopf" (WV 680/ S. 132) mit einer pastosen Malweise, in der er durch das Auftragen von mehreren Farbschichten den Gedanken an eine Freskenmalerei weckt und den Eindruck des leidenden, in sich gekehrten Christus intensiviert.

Zu der Gruppe der Porträts mag man auch die Arbeit "Frau mit Blumen" (WV 348 S. 133) zählen, auch wenn, soweit bekannt, für das Bild der jungen Frau kein reales Vorbild Modell gestanden hat. Kopf und Oberkörper der jungen Frau sind wie eine Büste im mittleren Vordergrund des Bildraumes platziert. Ihre klaren Gesichtszüge, die wie gemeißelt wirken und das die Kopf- und Schulterkontur aufnehmende Haar verleihen der jungen Frau ein madonnenhaftes Aussehen. Aus ihrem Kopf - und dies ist das Verblüffende - wächst ein gewaltiger Blumenstrauß, komponiert aus den unterschiedlichsten Blüten, der bis an die Decke reicht. Der vom Maler entworfene Raum ist ähnlich irreal wie das zentrale Motiv. Hinter dem Rücken der jungen Frau laufen die Säulen eines Säulenganges auf einen unbestimmten Punkt zu.

August Erkens ist ein Maler, der, basierend auf einer professionellen Maltechnik, mit Stilen und Motiven experimentiert. Er, der im Laufe seiner künstlerischen Tätigkeit sechs Jahrzehnte europäischer Kunstentwicklung miterlebt, profitiert vom Gesehenen, ohne sich einer aktuellen Stilrichtung anzuschließen. In diesem Zusammenhang sei auch die Bekanntschaft und Freundschaft mit Künstlerpersönlichkeiten wie Otto Pankok, Arno Breker, Gerhard Marcks und natürlich den Kollegen der Künstlergruppe 45 wie Gustav Fünders, Fritz Huhnen, Laurens Goossens, Walter Icks, Josef Strater, Herbert Zangs und viele andere zu erwähnen, die ihn und seine stilistische Entwicklung mit geprägt haben. Fantastische und nahezu surreale Elemente finden, wie in der "Frau mit Blumen", Eingang in seine Malerei. Da kann auch eine leuchtende Fantasiegestalt am nächtlichen Lobbericher Himmel auftauchen, die entfernt an einen fliegenden Drachen erinnert ("Drache über Lobberich", WV 302), eine über der Landschaft schwebende Blumenvase, gefüllt mit einem üppigen Strauß oder ein Blütenmeer, das aus einem drehenden Kettenkarussell zu explodieren scheint. Es sind diese Arbeiten, die das August Erkens anhaftende Etikett "Maler des Niederrheins" in Frage stellen.

Stillleben und Interieurs

Erkens Blumenstilleben greifen auf ein breites Spektrum von stilistischen Elementen zwischen spätmittelalterlich akribischer und impressionistisch gesehener Malerei zurück. Als Beispiele für die extremen Eckpunkte mögen an dieser Stelle der "Blumenkorb vor Fenster in Hilversum" (WV 304) und die "Zweige in der Blechdose" (WV 65) gelten.

In der ersten Arbeit nimmt Erkens den überquellenden Blumenkorb, der vor einem nächtlich verdunkelten Fenster steht, durch das einzelne helle Lichtflecken scheinen, zum Anlass, sein malerisches Können unter Beweis zu stellen: Tulpen, Schachbrettblumen, Pfingstrosen, Anemonen, Narzissen, Akelei und weitere Blumen sind naturgetreu und detailliert gezeichnet und klar voneinander abgegrenzt. Wie in der Form folgt Erkens auch in der Farbgebung dem Vorbild der Natur. Ähnlich wie in den traditionellen spätmittelalterlichen Blumenbildern, die allerdings meist nur Beiwerk zu einem religiösen Thema waren, entdeckt der Betrachter hinter dem Korb einen kleinen Schmetterling, sieht er auf dem Tisch einen abgebrochenen Blütenstiel.

In extremem Kontrast dazu stehen die "Zweige in der Blechdose", eine motivisch und formal stark reduzierte Arbeit: ein Raum ist lediglich durch zwei farbige Linien sowie durch den Schatten, den die Dose abgibt, angedeutet. Im Zentrum steht eben diese Blechbüchse, in der einige Obstbaumzweige stecken. Erkens setzt nur einige wenige dezente Farbtöne ein. Bei aller Reduktion gelingt es dem Maler, die Schönheit eines unspektakulären, schlichten Motivs zu vermitteln.

Seit 1951 bis zu seinem Tod lebt August Erkens mit seiner Frau und den beiden 1939 und 1946 geborenen Töchtern in seinem Haus auf der Niedieckstraße 25 in Nettetal-Lobberich. Dort befindet sich auch seine Malerwerkstatt. Alle Landschafts- und die so bezeichneten Architekturbilder sind im Freien entstanden. August Erkens, der als Kunst- und Antiquitätenhändler regelmäßig berufliche Reisen in die benachbarten Niederlande, Belgien, Frankreich bis hin ans Mittelmeer unternimmt, hält, wie es in der Erinnerung seiner Tochter Renate Notz haften geblieben ist, an den Orten, die ihm malenswert erscheinen, an, um seine Malutensilien, die er stets bei sich hatte, herauszuholen, und den beobachteten Eindruck einer Landschaft, eines Gebäudes, festzuhalten.

Ein Atelier besitzt August Erkens nicht, wohl aber eine Restaurierungswerkstatt. Eine Vielzahl seiner Motive findet August Erkens auch in seinem eigenen Haus und Garten. Sein geschulter Blick entdeckt reizvolle Ecken und Details an vielen, oft unerwarteten Stellen. Besonderen Reiz üben wohl - wie schon im "Blumenkorb vor Fenster in Hilversum" gesehen die Fensterausblicke auf den Maler aus. Der Blick aus dem Fenster bietet eine breite Vielfalt an malerischen Möglichkeiten. So wird das Spiel zwischen Innen- und Außenraum geradezu herausgefordert wie in dem Gemälde "Blick aus dem Fenster" (WV 326/S. 134): der Betrachter vor dem Bild wird in den Innenraum, den das schräg angeschnittene Detail des Schrankes klar definiert, gezogen, um diesen über den Blick durch das Fenster, gleichgültig ob offen oder geschlossen, zu verlassen. Der Innenraum erfährt somit eine Erweiterung, den auch der zarte Gardinenstoff nicht verdecken kann: einige breite Streifen Weiß bilden parallel verlaufende Bögen, durch die die gegenüberliegende Häuserfront durchscheint. In anderen "Fensterarbeiten" von August Erkens sind sogar die Schriftzüge der Schaufenster auf der anderen Straßenseite deutlich lesbar, eine Tatsache, die den "dokumentarischen" Aspekt zahlreicher Arbeiten von Erkens, aber auch der übrigen vier hier vorgestellten Künstlerkollegen aufzeigt. Sie, die sie ihre nächste Umgebung so exakt beobachtet und in ihren Gemälden festgehalten haben, bieten - vor allem den älteren heimischen Kunstbetrachtern - einen reichen Fundus an objektiver Wiedererkennbarkeit, ja, ein Stück Heimatkunde.

Zwei Gemälde des Gartens der Familie Erkens mögen - ähnlich wie die beiden besprochenen Stillleben - zwei weitere Eckpunkte im Gesamtwerk von August Erkens belegen.

Fast 30 Jahre eines Künstlerlebens liegen zwischen dem "Garten des Malers" (WV 331 /S. 135) und "Im Garten" (WV 483/S. 136). Deutlich lässt sich August Erkens Entwicklung vom akademischen hin zum freien, fast impressionistisch aufgefassten Malen ablesen. Ist der "Garten des Malers", vermutlich in der Mitte der 50er Jahre entstanden, noch getragen von dunkler, nur hier und da aufgehellter, pastos-schwerer Malweise, von einer klaren Gliederung des Bildes in Hinter-, Mittel- und Vordergrund, so zeugt "Im Garten", vermutlich aus den 80er Jahren, von dem Wunsch, eine flüchtige, verschwindende Erinnerung an einen Moment in seinem Garten festzuhalten. Die Gegenstände wie der Gartentisch, die Stühle und der Liegestuhl sind mit einem schnellen Strich skizzenhaft angedeutet. Kaum hinter den Kreidestrichen zu erkennen ist das Haus ebenso wie die Frau, die in dem Liegestuhl ruht. Die Motive liegen wie hinter einem Nebelschleier verborgen. Perspektive, Tiefenwirkung, Komposition - all dies tritt zugunsten einer Wiedergabe von flüchtiger, sommerlicher Atmosphäre in den Hintergrund.

Architekturbilder und architekturbezogene Arbeiten

Einen breiten Raum im Gesamtwerk von August Erkens nehmen die Gemälde ein, die Brücken, Kapellen, Höfe, Kirchen, Windmühlen und Stadtansichten zeigen. Nie allerdings geht es Erkens dabei um die ausschließliche Darstellung der Architektur der Bauwerke, immer ist es ihr Eingebettetsein in eine niederrheinische, niederländische oder italienische Landschaft, deren typische Merkmale er in den Gemälden herausarbeitet. Oft ist in diesen Bildern kaum zu unterscheiden, ob das jeweilige Gebäude, die Stadt oder das Dorf den Anlass für die künstlerische Umsetzung bietet oder die durch Landschaft, Licht und Wolken hervorgerufene Atmosphäre. Ein solches Stimmungsbild ist das Pastell "Mühle in Cadzand"(WV 548/S. 137), in dem der bewegte Himmel über der Windmühle mit den Gehöften dominiert. Der Himmel erhält seine Vitalität und Dynamik aus den Farbschichten, die übereinander gelegt werden, wobei der farbige Malgrund seinen Eigenwert behält und in die Komposition einbezogen wird. August Erkens greift auf die für ihn typisch gewordene Technik zurück, die Farben nicht pastos, sondern gestrichelt und durchscheinend aufzutragen.

1944 entsteht in Italien das Gemälde "Italienische Landschaft" (WV 154). Durch den Einsatz der Farbe versteht es Erkens, die Hitze und Kargheit zu vermitteln, die dieses italienische Bergdorf prägen. Die zahlreichen Nuancen des Gelb, Ocker und Braun wiederholen sich im Boden, den dichtgedrängt stehenden Häusern, dem hoch aufragenden Berg und tauchen noch als Schattierungen im blauen Himmel auf. Ganz im Gegensatz zu den durch die "strichelnde" Linienführung gekennzeichneten Pastellen legt August Erkens die "Italienische Landschaft" pastos an, ohne schwerfällig zu wirken. "Der Blick auf die Kirche" (WV 457/S. 138) ist eine der Arbeiten, die ausschließlich Architektur zeigen: am Ende einer Straße, die links und rechts gesäumt ist von niedrigen Häusern, fällt der Blick auf den Turm einer Kirche. Menschen, die sich - wie in der "Italienischen Landschaft" - in das Dorf einfügen, sind nicht zu sehen, auch die Natur ist aus dem Bild verbannt. Ein Erkens, der sich von dem Maler der Landschaften, Stillleben und Porträts wesentlich unterscheidet, spricht aus den erhaltenen Glasfenstern und Wandgemälden.

Wie eingangs erwähnt, existiert eine große Fülle von Zeichnungen und Entwürfen, in denen August Erkens beispielsweise Kircheninnenräume zeichnet und gestaltet, aber auch profane Wohn- und Schlafzimmer, Treppenhäuser, Reproduktionen alter Stadtansichten für Sitzungssäle, Möbelbemalungen und vieles andere mehr. Die Voraussetzungen für Auftrags- und freie Arbeiten vermischen sich: August Erkens beugt sich den räumlichen und inhaltlichen Bedingungen, die eine Auftragsarbeit stellt, ohne gänzlich auf einen Freiraum für seine künstlerischen Ideen zu verzichten. Drei noch existierende Arbeiten aus dem Bereich Glas- und Wandmalerei mögen an dieser Stelle als Beispiele für Erkens' Tätigkeit als Künstler für den "öffentlichen Raum" stehen.

Für die evangelische Schule in Lobberich (Anfang der 50er Jahre erbaut), deren Gebäude heute die Kindertagesstätte des Deutschen Roten Kreuzes sowie das Seminar für Altenhilfe der Region Kempen-Viersen e. V. beherbergt, entwirft Erkens in den 50er Jahren ein Wandgemälde, in das drei Wände des Treppenhauses einbezogen sind. Für seine Darstellung ritzt er die Motive in den Verputz und führt sie farbig aus. Er wählt eine alte Ortsansicht von Lobberich. Stilisiert sind Bäche, Mühlen, vereinzelte Gehöfte und Baumgruppen dargestellt. In der Farbwahl beschränkt sich August Erkens auf Grün, Blau und einen Ockerton, der sich nur leicht von dem Grundton der Wandfarbe abhebt. An die Lobbericher Ortsansicht, die er mit "Kerspel Lobberich um 1646" unterschreibt, schließt Erkens auf den zwei kleineren Wandflächen kindgemäße Tiermotive an. In der Ausführung dieser Darstellung richtet sich Erkens nach den Bedingungen des Raumes, in dem sich (ursprünglich) überwiegend junge Menschen aufhielten und bietet ihnen eine vertraute, leicht lesbare, eingängige und zurückhaltende Bildgeschichte an. Wie aus zahlreichen Vorentwürfen zu ersehen ist, hat August Erkens eine durchaus moderne Auffassung von abstrakter Glasgestaltung. Durch zarte Linien und dezent voneinander abgestufte farbige Gläser entstehen sensible, vereinfachende Ornamente. Daneben beherrscht er aber auch die traditionelle Art der Glasmalerei, die mit geschlossenen, die Bleiruten als Konturierungen einsetzenden Formen arbeitet. Auf lokale und lokalhistorische Charakteristika bezieht er sich ebenso in den Glasfenstern für den Sitzungssaal des (Alten) Rathauses in Lobberich (WV 803/S. 139). Für diese Arbeiten existieren zwei Vorentwürfe, wovon einer als "Entwurf für die Fenster des Sitzungssaales des Rathauses in Lobberich" ausgewiesen, der Maßstab 1:10 sowie die "Ausführung in Antikgläsern" angegeben und die Beschreibung der Fenstermotive angefügt ist. Diese Skizze dient als Grundlage für die Entwürfe in Originalgröße auf Werkkarton. Dieser wiederum wird in der Glaswerkstatt als Unterlage für die Ausfertigung der Schablonen benutzt. August Erkens greift Motive aus den die Lobbericher Geschichte prägenden Berufen auf: er gestaltet den Weber, die Spulerin, Metallgiesser und mit dem Sämann und der Bäuerin Elemente aus der Landwirtschaft. Eingebettet sind die Menschen in eine ornamentale Gestaltung, die zum Beispiel die Motive der Weberei auf eine Weise fortführt, dass das Ornament eines gewebten Stoffes oder in der Szene aus dem bäuerlichen Leben eine Sommer- oder Regenstimmung assoziiert. Das Lobbericher Wappen mit den drei Leopardenköpfen schließlich verweist auf die städtische Einbindung. Der Maler folgt der Maxime von Jan Thorn Prikker, dem Krefelder Künstler und Lehrer der Kunstgewerbeschule, die lautete, dass das bunte Glas ein Malen mit dem Licht ermögliche. Kleinteilige farbige Antikgläser, in geometrische Formen wie Kreis, Oval, Rechteck geschnitten und durch Bleiruten voneinander getrennt, addieren sich zu figürlichen Motiven bzw. zu abstrakten Ornamenten. Klar und farblich stark zurückgenommen ist das verhältnismäßig leise, in der Darstellung sehr erzählerische Fenster für die Krankenhauskapelle in Lobberich (WV 804). Als Oberlicht über der massiven Holztür angebracht, verjüngt es sich giebelförmig nach oben. Die Komposition des Fensters basiert auf einer symmetrischen Gliederung: je ein kniender Engel links und rechts des Zentrums bringt eine Gabe dar, zwischen beiden ragt von oben ein Dreieck in den Raum, das die Taube, Symbol des Geistes Gottes, enthält. Wie zurückweichend nehmen die Gestalten der Engel formal die Schenkel des Dreiecks auf. August Erkens beschränkt sich auf einige wenige Farbtöne: die Körper der Engel sind aus nicht zu kleinteiligen Scheiben in Grün- und Rottönen zusammengesetzt, ihre Flügel verschmelzen in ihrem Ocker mit dem lichten Hintergrund.

Die Landschaft am Niederrhein

"Meine Hände stoßen tief in den Himmel hinein. Ich spüre ihn nicht, ich fasse ihn nicht und doch ist irgendwo sein Licht."

Diese Zeilen stehen am Anfang des Kapitels über den Maler August Erkens, berühren sie doch einen Schwerpunkt seiner Malerei. In einer schier unübersehbaren Fülle von Pastellen, Aquarellen und Ölbildern erfasst er den Himmel am Niederrhein: mal regnerisch-trüb, mal gewittrig-aufgewühlt, mal zwischen hellen Flecken und dunklen Wolken konkurrierend, mal sonnendurchflutet, mal klar, mal verwischt. In den unterschiedlichen Färbungen ist August Erkens' Himmel angelegt: er erscheint rosa, lila, blau, grün, schwarz, weiß, gelb und grau. Dieser Himmel, der sich auf den Bildern unendlich weit auszudehnen scheint, wird nahezu doch greifbar, immer aber atmosphärisch spürbar.

Die Welt unter einem solchen Himmel ist Nebensache, sie dient als Bühne für ein spannendes Schauspiel. Was sich auf ihr abspielt, ist von Bild zu Bild ähnlich und doch nie identisch. Es ist das, was August Erkens bei seinen Fahrten über das Land entdeckt und beobachtet: die eingezäunten Wiesen und Felder, die aufgestellten Heugarben - wie sie ähnlich auch in den Bildern von Jupp Dors erscheinen die Häuser und Höfe, die sich in die Landschaft ducken, die Flüsse und Bäche, die das Land durchziehen, hier und da, ganz selten, ein Mensch. Die Abwesenheit von Menschen verleiht der Landschaft einen hohen Eigenwert, sie bekommt etwas Schweres, Ernsthaftes und rückt damit in die Nähe der Sicht des Malers Jupp Dors vom Niederrhein.

In den Bildern des Gartens des Malers oder auf dem "Kirmes"-Bild (WV 708) allerdings sind Menschen angedeutet. Hier gehören sie schließlich auch zwingend dazu, denn im Gegensatz zu einer Landschaft ist die Kirmes ausschließlich im Hinblick auf den Menschen angelegt und auf ihn angewiesen. Doch sind diese Menschen nur angedeutet, ihre Gesichter nicht detailliert ausgearbeitet. Die Kirmes, aus der niederrheinischen Tradition nicht wegzudenken, ist in einem Stil gemalt bzw. gezeichnet, der an Buchillustrationen aus den 50er und 60erJahren erinnert. Die aquarellierten Flächen, in leichten, lichten Farben angelegt, werden mit schnellen Tuschestrichen konturiert.

Wenn August Erkens den Niederrhein malt, ist es immer das Atmosphärische und Charakteristische dieses Landstriches, das der Maler festhalten möchte, nicht naturalistisch, aber dennoch durch eine typische Kirchensilhouette oder eine prägnante Baumgruppe auf Wiedererkennbarkeit ausgerichtet. Trotz des rein zahlenmäßigen Schwerpunktes, den die Darstellung des Himmels über dem Niederrhein in Erkens' Gesamtwerk behauptet, wäre es ungerechtfertigt, den Maler in seiner Landschaftsmalerei auf dieses Motiv einzugrenzen. Es existieren zahlreiche Gemälde, in denen sich August Erkens stilistisch, formal und inhaltlich auf eine andere Weise mit der Landschaft am Niederrhein auseinandersetzt. Oft sind es die Baumstämme mit ihrem prägnanten Wuchs, die ein Bild strukturieren. In dem kleinformatigen Pastell "Wald" (WV 461/ S. 140) beschränkt sich Erkens auf die Darstellung allein der Stämme, deren Kronen weit über dem Bildrand anzusiedeln wären. Wie Figuren auf einer Bühne treten sie vor und zurück, beugen sich nach links und rechts und geben den Blick frei auf einen in den Wald hineinweisenden Pfad. Bemerkenswert die Farbgebung: der violette Malkarton bestimmt den Grundton des Pastells, in dem die Bäume formal naturalistisch, farblich jedoch expressionistisch gesehen sind. Oder die "Weiden im Herbst" (WV 495) - diese könnten fast dieselben sein, die in den "Weiden im Winter" (WV 345/S. 143) zu sehen sind. Die Kopfweiden erhalten fast figürlichen Charakter, ihre Äste und Verzweigungen assoziieren Köpfe, Fratzen, Arme, die nach- und ineinander greifen. In einem fließen Kreidestrich sind die Baumstämme organisch nachgezeichnet, wodurch sie in Bewegung zu geraten scheinen, was wiederum ihre Figürlichkeit unterstreicht.

Ein Baum dominiert auch das gleichnamige Pastell "Baum" (WV 579/S. 141). Vom rechten unteren Bildrand aus wächst der kahle Baum mit vielen, wild wuchernden Ästen bis in die obere Bildmitte hinein. Seine Verzweigungen, ineinander verschlungen, zu einem unentwirrbaren schwarzen Liniengeflecht verknäuelt, dehnen sich über 2/3 der Gesamtfläche des Bildes aus. Vor dem kühl-blauen Himmel sticht der Kontrast besonders intensiv hervor. Wie bereits in dem Kapitel über die Porträts von August Erkens angedeutet, kann auch bei ihm - ähnlich wie bei Jupp Dors - eine Tendenz zur Abstrahierung vom Gegenstand festgestellt werden, die dennoch den Gegenstand nicht unkenntlich macht. Da August Erkens wie seine Kollegen äußerst sparsam mit der Datierung seiner Arbeiten ist, kann nur vermutet werden, dass diese Bilder in die späten Jahre der künstlerischen Tätigkeit einzuordnen sind. Dazu gehört im Bereich der Landschaftsmalerei das Pastell "Nette" (WV 612/S. 142). Bäume, Sträucher, der Verlauf des Baches, der Himmel sind in Farbtöne und Kreidestriche aufgelöst. Die Kreidelinien verlaufen sowohl vertikal als diagonal, so dass eine intensive Bewegung entsteht. Bei aller Auflösung des Motivs bleibt es doch erkennbar, wenn auch wie hinter einem Schleier gesehen. In seiner stilistischen Behandlung steht es in enger Verwandtschaft zu dem Pastell "Im Garten".

Eine intensive Stimmung liegt über dem Ölbild "Gehöft bei Lobberich" (WV 306). Beherrscht wird das Gemälde von einem Sonnenball, der seine Strahlen in Form von Pinselsprenkel über die beiden oberen Drittel der Komposition schickt. Ein additiver Farbauftrag lässt die darunter liegenden Farbschichten durchscheinen. Im Vordergrund ist das Bild begrenzt durch den Zaun, erst im Bildhintergrund taucht ein Gehöft, bestehend aus mehreren Gebäuden, auf. Die Gebäude, angelegt aus geometrischen Formen, ohne detaillierte Charakteristika, wiederholen das Gelb, Grün und Rot der Natur, die sich als Farbtupfer auf Dächern und Wänden sammeln. Im Vergleich mit dem Garten aus den 50er Jahren ("Garten des Malers") wird die Entwicklung deutlich, die August Erkens von einer geschlossenen, dichten und dunklen Komposition hin zu einer weiten, lichterfüllten Sicht- und Malweise genommen hat. Dem Winter am Niederrhein sind einige eindrucksvolle Ölbilder, Aquarelle und Tuschezeichnungen gewidmet. Das Ölbild "Weiden im Winter" (WV 345/S. 143) variiert verschieden Abstufungen der winterlichen Farbtöne von Weiß über Grau bis hin zu einem dezenten Rosaton. Fast scheinen die schneebedeckten Wiesen farblich mit dem durch Rosatöne aufgehellten Himmel zu verschmelzen, doch formuliert die schemenhaft erkennbare Baumreihe am Horizont eine räumliche Gliederung. Dass der Schnee am Niederrhein auch schnell ein schmutzig graues Bild schafft, zeigt das Pastell mit dem Titel "Weiden im Winter" (WV 503/S. 144). Vier kräftige dunkle Kopfweidenstämme, die an vielen Stellen die niederrheinische Landschaft prägen, nehmen die gesamte Höhe und Breite des Bildes ein. Auf dem dunklen Karton legt August Erkens weiße Kreideschichten an, die von dunklen Flächen durchzogen sind und durch den farbigen Malgrund beeinflusst werden. Wie seine Kollegen Dahmen, Dors, Heimen und Therstappen ist auch Erkens fasziniert von der Wirkung des Schnees, der Landschaften verzaubern, verwandeln und vollständig zu verändern vermag und der sie in ein neues Licht eintaucht.


Dieser Text wurde mit freundlicher Genehmigung der Sparkassenstiftung und der Autorin hier wiedergegeben.
BLOMEN-RADERMACHER, Sigrid: Der Maler August Erkens.
In: Sparkassenstiftung "Natur und Kultur" (Hg.):
BLOMEN-RADERMACHER, Sigrid, KRAUSCH, Christian: Fünf Künstlerportaits vom Niederrhein.
Mönchengladbach (Kühlen) 2000.
= Schriftenreihe der Stiftung "Natur und Kultur" Kreis Viersen der Sparkasse Krefeld, IV. S.111-144. ISBN 3-87448-211-1.

In diesem Buch befindet sich auch ein umfangreiches Werkverzeichnis des Künstlers.


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